Aus dem Leben · Sonstiges

Ein paar Gründe für einen Schüleraustausch

Unter einem Schüleraustausch verstehe ich einen mindestens 6-monatigen Aufenthalt in einem fremden während der Schulzeit. In den meisten Fällen findet diese Art von Austausche in dem Jahr vor dem Abitur statt und beinhalten ein ganzes Jahr.

Was vor 30 Jahren noch eine Seltenheit gewesen wäre ist heutzutage fast schon die Normalität. Natürlich abhängig davon wo man an eine Schule guckt, kann man Jahrgänge finden, wo ca. ein Viertel eines Jahrgangs in Klasse 10 oder 11 ins Ausland geht. Die beliebtesten Zielländer sind hier natürlich die USA, Kanada oder England da die Aufenthalte größtenteils zum Erlernen und verbessern der Lokalen Sprache dienen. Neben den üblichen Zielländern habe ich aber auch schon öfters von Aufenthalten in Brasilien, Südafrika, Japan oder Peru gehört. Neben der offensichtlichen Tatsache, dass man die lokale Sprache lernt, gibt es aber noch sämtliche weite Vorteile, auf die ich gerne in diesem Beitrag eingehen möchte.

Ich selber habe mein 16. Lebensjahr in den USA verbracht und sehr vieles, sowohl positives als auch negatives dort erlebt. Ich denke, 4 Jahre nach meinem Aufenthalt ist es Zeit ein Resümee zuziehen, wo man sehen kann was es mir gebracht hat und wie Sinnvoll es letztendlich war so viel Geld für eine solche Erfahrung auszugeben.

Selbstständigkeit

Wenn man die ersten 16 Jahre seines Lebens “am Rockzipfel” seiner Mutter verbringt, ist es erstmal schwer sich an ein „komplett“ eigenständiges Leben zu gewöhnen. Natürlich ist man bei einem solchen Auslandsaufenthalt nicht alleine, sondern hat seine Organisation, seine Gastfamilie, viele neugierige und hilfsbereite Mitschüler, Lehrer und einen Schüler Koordinator der einem bei jeglichen Fragen und Problemen zur Seite steht. Trotzdem ist man deutlich mehr auf sich alleine gestellt als wenn man zu Hause in bekannter Umgebung bei seinen Eltern lebt. Man fängt an seine eigenen Probleme weitestgehend selber in Angriff zu nehmen und in erstaunlich vielen Alltagssituationen fällt einem auf, wie viel vorher für einen gemacht wurde. Es fängt damit an, dass man in den meisten Fällen alleine zur Gastfamilie reist und seine Termine für Arztbesuche und ähnliches plötzlich selber organisieren muss. Alles in allem hat mich persönlich die Zeit in den USA dabei geholfen ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie viel Aufwand es ist Erwachsen zu sein, trotz der tatkräftigen Unterstützung meiner Gastfamilie und meiner Organisation.

Neustart im sozialen Umfeld

Nach 16 Jahren im selben Land, in derselben Stadt oder vielleicht sogar in derselben Straße kann ein soziales Umfeld mit der Zeit ein wenig einrosten und man lernt kaum noch neue Leute kennen da dieselben 5 Freunde sowieso immer Zeit haben. Beim temporären Auswandern wird diese Situation komplett auf den Kopf gestellt und das komplett neue soziale Umfeld ist eine hervorragende Möglichkeit seinen Freundeskreis massiv zu vergrößern. Aus meiner persönlichen Erfahrung in den USA kann ich sagen, dass Amerikaner generell sehr offene und neugierige Menschen sind aber oft auch sehr oberflächlich. Nichtsdestotrotz habe ich noch mit fast allen engen Freunden von vor 4 Jahren Kontakt und wir treffen uns Regelmäßig in verschiedenen Ecken dieser Welt. Dasselbe gilt auch für meine Gastfamilie, außer dass sie wenig Erfahrung darin haben die USA zu verlassen, weswegen wir und mittlerweile nur in den USA und nicht in Europa wiedergesehen haben.

Ab dem ersten Moment, in dem ich die neue High-School betreten habe kamen allerlei Leute auf mich zu und viele kannten meinen Namen, bevor ich überhaupt in den Staaten gelandet bin. Gerade in einem Staat wie Ohio, wo wenig kulturelle Diversität herrscht, sind Menschen noch sehr neugierig gegenüber Europäern was leider auch manchmal in ziemlich komische/unangenehme Fragen resultiert wie z.B.

Habt ihr Computer in Deutschland?

Findet ihr Hitler immer noch so toll?

Oder auch: „woher weißt du über die USA Bescheid, wenn sie doch auf der anderen Seite der Welt liegt?

Nach einer gewissen Zeit hat man aber zu allem eine Standerstantwort bereit und letztendlich hat einen die Schule ja akzeptiert, um den Schülern ein wenig Internationalität zu bringen und um die Leute über sein Heimatland aufzuklären.

Ausstieg aus der „Comfort Zone“

Für mich persönlich einer der wichtigsten Aspekte bezüglich des Nutzens meines Austausches, ist die persönliche Entwicklung, die ich durchgemacht habe. Natürlich wäre ich auch in Deutschland ein wenig mehr erwachsen geworden da dass das ist, was man halt mit 17 Jahren macht, allerdings hat es diese spezielle Situation in den USA deutlich einfacher gemacht. Dadurch, dass ich zu Beginn des Jahres in ein komplett neues Umfeld geworfen wurde und „selber sehen musste, wie ich klarkomme“ habe das erste Mal ein Bewusstsein über mein Auftreten entwickelt. Ich bin mir meiner Identität bewusstgeworden und dadurch, dass ich nicht mehr meinen eigenen Computer in meinem Zimmer hatte (genauer gesagt dadurch, dass ich weder ein eigenes Zimmer noch einen Computer hatte) habe ich angefangen Dinge zu machen, wofür ich mich vorher nicht hätte begeistern können. Ich habe angefangen regelmäßig Schach zu spielen, im Fitnessstudio zu trainieren, Gartenarbeit zu machen und mich intellektuell deutlich stärker in verschiedenen Sachen „engagiert“.

Natürlich ist dies ein sehr persönlicher Werdegang und nicht jeder, der für ein Jahr ins Ausland zieht, krempelt sein Leben komplett um oder verändert sich total, ich sage nur, dass mein Jahr im Ausland wie ein Sprungbrett für meine geistige Entwicklung fungiert hat und ich es ohne das komplett neue Umfeld wahrscheinlich nicht so weit geschafft hätte.

 

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